Das Verstummen der Götter - unter diesem Titel verbirgt sich wohl eine der bedeutungsvollsten Zäsuren der Bewußtseinsgeschichte. Von dieser legen wir uns nur deswegen in der Regel keine deutliche Rechenschaft mehr ab, weil wir selbst Angehörige einer Zivilisation sind, die seit langem vom Götterschweigen geprägt ist. Moderne Menschen sind Leute, die sich vor Offenbarungen in Sicherheit gebracht haben - man kann diese Beobachtung so gut wie definitorisch verwenden. Wir halten unsere homogenen prosaische Wirklichkeitsauslegungen und unsere alltäglichen nüchternen Innenzustände für so normal und normativ, daß alles andere nur noch als Wahn und Nonsense in Betracht kommt; es gäbe für uns nichts Bestürzenderes als den Einbruch neuer Offenbarungen aus einem Jenseits, daß kulturoffizelle Geltungsansprüche erheben wollte.(...) Wir räumen mit knapper Not ein, daß gesunde Subjekte irgendwie "an Gott glauben" können; wir sind jedoch absolut sicher, daß nur Kranke Gott oder Götter sehen und hören. (...) Wir halten es folglich für ausgemacht, daß Göttliches, sollte überhaupt noch in irgendeiner Weise von seiner "Existenz" die Rede sein können, grundsätzlich nicht erscheinungsfähig ist. Jede Behauptung einer direkten Epiphanie kann demnach nur durch pathologische Selbstaffektionen eines Bewußtseinsapparats motiviert sein, der sich selber verführt und mißbraucht. Über direkten Offenbarungen schwebt heute die Einsamkeit des religiösen Wahns.
aus  "Weltfremdheit" ,Peter Sloterdijk

 

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Verkündigung


Die Worte des Engels

Du bist nicht näher an Gott als wir;
wir sind ihm alle weit.
Aber wunderbar sind dir
die Hände benedeit.
So reifen sie bei keiner Frau,
so schimmernd aus dem Saum:
ich bin der Tag, ich bin der Tau,
du aber bist der Baum.

(...)

Ich spannte meine Schwingen aus
und wurde seltsam weit;
jetzt überfließt dein kleines Haus
von meinem großen Kleid.
Und dennoch bist du so allein
wie nie und schaust mich kaum;
das macht: ich bin ein Hauch im Hain,
du aber bist der Baum.

(...)

und aufgehn wirst du bald.
Du, meines Liedes liebstes Ohr,
jetzt fühle ich: mein Wort verlor
sich in dir wie im Wald.

So kam ich und vollendete
dir tausendeinen Traum.
Gott sah mich an; er blendete...

Du aber bist der Baum.

aus "das Buch der Bücher", Rilke

 

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