“ susanna “ 2003, mit Robert Weber
Galerie Peters-Barenbrock, Berlin

Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.
(Paul Klee)

 

Diese scheinbar lapidare Zitat von Paul Klee fokussiert auf eines der zentralen Probleme der Kunst.
Wenn es denn nicht um das Sichtbare an sich geht, sondern um das, was sich dahinter verbirgt, was
erst in den Bereich des Sicht- bzw. Wahrnehmbaren katapultiert werden muss, sehen wir uns als
Betrachter immer auch konfrontiert mit einer jenseitigen Erkenntnis – jenseits des objektiv
Sichtbaren. Das heißt für die Ikonografie eines Bildes die Umkehrung des „What-you-see-is-whatyou-
get“.

 

Susanna im Bade

 

Paraphrasen der Kunstgeschichte sind ein von Künstlern häufig gewähltes Mittel, um sich einem
Kanon einzuschreiben und sich gleichzeitig aus ihm zu erheben. Man reiht sich ein, in den Reigen
von Künstlern, die über das gleiche Thema reflektierten, und weist mit seinem genuinen Bildentwurf
über alle anderen Darstellungen hinaus. Der zu beschreitende Grat ist dabei schmal genug: das
ursprüngliche Motiv, die Quelle, der Ursprung des Dargestellten muss noch zu erkennen sein und
doch etwas Anderes, Eigenes, Neues bieten. Das Motiv der Susanna im Bade ist dafür ein riskantes
Thema, denn das alttestamentarische Motiv ist nicht zuletzt auf Grund seiner vielschichtigen
Lesbarkeit seit Jahrhunderten ein begehrtes Motiv von Künstlern.
Die Geschichte selbst – der Urtext – ist dabei kurz aber dramatisch: Die schöne Susanna und ihr
Mann Joakim lebten im babylonischen Exil. Ihr Haus diente ihren jüdischen Landsleuten als
Versammlungsort. Zwei Älteste waren bestimmt, Rechtsstreitigkeiten zu schlichten und verliebten
sich gleichzeitig in Susanna. Ihr ungebührliches Verlangen suchten beide durch Beobachtung der
schönen Frau zu befriedigen. Es kam eines Tages zu einem Zusammentreffen der beiden Lüstlinge,
die sich nun gemeinsam auf visuellen Beutezug begeben und Susanna bei ihrem Bade im
abgeschlossenen Garten überraschen. Nachdem sie dem intimen Geschehen eine Weile zusahen,
stürzten sie aus ihrem Versteck und bedrängten die junge Frau, ihnen doch zu Willen zu sein. Deren
standhafte Verweigerung führte zu einem großen Geschrei der beiden Alten, die so für einen
Menschauflauf sorgten und Susanna der Untreue an ihrem Mann mit einem Jüngling bezichtigten.
Kurz bevor die drohende Steinigung der verleumdeten Susanna – das entrüstete Volk glaubte die
Version der beiden Alten – vollstreckt werden kann, meldete sich der Prophet Daniel zu Wort und
schlägt vor, die Glaubwürdigkeit der Alten zu hinterfragen und sie einzeln zum genauen Hergang der
Dinge zu befragen – es zeigte sich, dass beide gelogen hatten. Statt Susanna wurden die beiden Alten
gesteinigt.
So weit die Geschichte. Wie immer wird es interessant, befragt man die künstlerischen Zeugnisse
nach ihrer Transformation. Welcher Teil der Geschichte wird wie dargestellt? – und was könnte den
Künstler an gerade diesem Ausschnitt interessiert haben?

 

Susanna zwischen Tabu und Voyeurismus

 

Es finden sich in der Kunst viele Darstellungen der Susanna, der Reigen spannt sich von Rembrandt
über Tintoretto zu Corinth – aber auch im Impressionismus und der Moderne finden sich Anklänge
an das Thema.
Zunächst ist die ikonographische Aufschlüsselung einfach: man sieht eine junge, schöne, nackte
Frau, die sich in einem Garten befindet und dabei ist, ins Bade/Wasser zu steigen. Mehr oder
weniger prominent, das hängt vom Künstler und der Zeit der Bildentstehung ab, tauchen am Rande
des Bildes zwei lüsterne alte Männer auf, deren Ansinnen ihnen meist überdeutlich ins Gesicht
geschrieben steht. Thematisiert wird dabei das Motiv des Sehens und Gesehenwerdens in einer 1/1-
Übersetzung, der Betrachter des Bildes kann sich getrost hinter den beiden Alten verschanzen und
wird so zum Beobachter zweiter Ordnung. Die große Beliebtheit des Susanna-Themas hat ihren
Ursprung auch in dem Umstand, dass die Geschichte den Künstlern eine gute Möglichkeit bot, eine
schöne nackte Frau darzustellen, die nicht Eva, Venus oder Aphrodite sein musste. Das Thema des
Voyeuismus konnte so Eingang in die bildende Kunst finden, ohne dass sich der Maler eines
intendierten unsittlichen Ansinnens erwehren musste. Die biblische Geschichte liefert die Lizenz
zum erlaubten Voyeurismus.
Im Laufe der Jahre machen es die Künstler dem Betrachter nicht leichter. Die Geschichte des
rechtfertigten Voyeurismus wird heikler, denn die beiden Alten werden immer mehr in den
Hintergrund gedrängt und die Rolle des ungebührlichen Beobachters wird schließlich gänzlich dem
Betrachter zugeschrieben, der sich nun in einer misslichen Situation befindet. Der Blick auf eine
schöne, nackte Frau hat naturgemäß nichts von seinem Reiz verloren – die Neugierde auf den
unerlaubten Blick in die Intimsphäre eines Menschen auch nicht – kurz und gut, das Motiv behält
seinen Reiz, aber der Betrachter muss sich mit einer neuen Rolle auseinandersetzen. Nicht mehr
verwerfender Beobachter zweiter Ordnung, der selbstgewiss die Nase über die geilen Alten rümpft,
sondern Täter erster Ordnung, nämlich der, der den verbotenen Blick wissentlich riskiert – und wenn
es denn gut gemacht ist, auch noch genießt.
Dem Thema der Susanna anverwandelt ist ja die Darstellung von Frauen im Bade im Allgemeinen –
dabei wurde zunächst vorzugsweise auf Massenszenen in türkischen Bädern, die ja noch dazu in
verruchtem ausländischem Ambiente spielten, rekurriert. Schon Degas zeigt uns aber den intimen
Blick auf Frauen im Bade oder bei der Toilette. Der heikle Blick in die Intimsphäre von Frauen wird
hier bereits thematisiert. Der mittelbar öffentliche Raum des Gartens wird verlassen, es bleibt der
Blick in Wohnstuben oder später dann in Bäder – in private Bäder –, die der ganzen Situation einen
neuen Touch des Verbotenen geben.

Das Zeitalter der Moderne hat viel dafür getan, alle möglichen Tabus zu vernichten – und großflächig
gedacht kann man diesen Prozess als durchaus gelungen bezeichnen. Es halten sich aber immer noch
einige wenige Bastionen, zu denen die Reinigung des Körpers im Privatraum gehört. Auch die
ausgehängten Klotüren der 68er haben daran nichts Wesentliches ändern können.
Dank den psychologischen Überlegungen u.a. von Freud und Lacan wissen wir heute, dass das
Problem des Beobachtens ja noch viel weiter reicht. Es ist nicht nur mit dem Tabubruch und der
Erkenntnis der eigenen voyeuristischen Ambitionen getan: der Vorgang des verbotenen Beobachtens
führt zur ungebührlichen Behandlung des Anderen. Das Individuum wird durch die Beobachtung
zum Objekt degradiert. Im Falle der Susanna – oder allgemeiner der Frau – wird das Ganze dann
noch delikater, denn wir bewegen uns auf dem alten chauvinistischen Terrain: eine ahnungslose Frau
wird durch die Macht unseres Blickes unwissentlich zu einem Objekt der Begierde. Allerdings
können in unserer Zeit auch die Frauen an diesem Prozess teilhaben – das alte Spiel von Macht und
Unterdrückung wird in jeder denkbaren Geschlechterkombination pausenlos gespielt.
Das heißt umgekehrt zugespitzt, der Betrachter wird zum Täter – kein allzu schöner Zustand. Die
passive und aktive Rollenverteilung wird umgekehrt, bzw. die Rollen werden gar nicht mehr
eindeutig verteilt – denn denkt man den Prozess weiter, so ist der Betrachter nicht nur Täter sondern
zugleich Opfer. Vermittelt über seine Beobachtung erfährt man viel über ihn selbst – womöglich
mehr als über das beobachtete Objekt.

 

Die trügerische Ruhe

 

Es sind prekäre Situation, die durch eine scheinbar harmlose Bildbetrachtung entstehen. Umso
schlimmer, wenn das eigentliche Kunstwerk die trügerische Harmlosigkeit forciert und in die
verschleiernden Hüllen der ästhetischen Kontemplation taucht.
Im Falle der Susanna von McLovla und Robert Weber tritt genau dieser Fall ein. Die Reihe der
Siebdrucke lässt den Betrachter teilhaben an einem Reinigungsprozess, der keinesfalls für das
öffentliche/fremde Auge bestimmt ist. Eine junge Frau kommt aus der Dusche, trocknet sich ab und
bereitet sich – ja, auf was eigentlich vor? Damit öffnen sich die Laufgänge der eigenen Phantasie.
Der Touch des verbotenen Blickes wird durch die dunklen Rahmen an der linken und rechten
Bildseite verstärkt. Erst bei sehr genauem Hinsehen erschließt sich dem Betrachter die wahre
Existenz des Sichtbaren: der Blick des Betrachters fällt auf einen großen Spiegel – die dunklen, rechts
und links entlang des Bildrandes verlaufenden Balken, gehören zum Rahmen eines Spiegels, der das
Bild der modernen Susanna wiedergibt. Die Distanz zwischen Betrachter und Betrachtetem wird
dadurch um eine Dimension erweitert und das Gefühl des Verbotenen erhöht. Das Spiel mit dem
Schlüssellocheffekt, der entrückte Blick auf einen Spiegel und das Element der gläsernen
Duschkabine steigern die Irritationen des Betrachters. Der ohnehin undeutliche Blick, der durch die
sanft verschwimmenden Umrisslinien, die den Dunst in einem kleinen Badezimmer nach einer heißen
Dusche fast körperlich ahnen lassen, wird durch die Duschkabine bei einigen Arbeiten erheblich
verstärkt. Die schemenhafte Zersetzung des Frauenkörpers wirkt dabei wie ein Nährboden für die
Phantasie und die Erinnerung. Mehr und mehr rückt dabei die Identität der Frau aus dem Fokus des
Betrachters – es geht ja auch gar nicht um die Frau, es geht um ihn und seine Vorstellungen. Gerade
die Arbeiten, die den Körper zum großen Teil ahnen lassen, sind die wirklich heiklen für den
Betrachter, denn er bewegt sich auf doppelt verbotenem Gebiet: er blickt in ein Zimmer, von einem
nicht wirklich günstigen Standpunkt aus – d.h. er sieht nur einen kleinen Ausschnitt und muss sich
möglicherweise sogar hin und her bewegen, damit sein Objekt der Begierde nicht vollständig aus
seinem Blickfeld bzw. aus der Spiegelfläche gerät – und er muss dann auch noch durch das
beschlagene Glas der Duschkabine spähen. Erst der frontale Blick auf den nackten Körper der Frau,
den der erste und der letzte Siebdruck gnädig gewähren, ist eine Erlösung, weniger weil der
Betrachter endlich das sieht, was er sehen will, sondern vielmehr weil er von seinen eigenen
Vorstellungen und der mühsamen Tätigkeit des Beobachtens erlöst wird.
McLovla und Robert Weber arbeiten mit zwei weiteren Tricks, um den Betrachter herauszufordern.
Bis auf die drohenden dunklen Balken an den Bildrändern, die auch die Zeitlichkeit der beobachteten
Szene thematisieren, sind alle Siebdrucke in harmonische Farben getaucht. Die Orange-, Gelb-,
Braun- und Rottöne nehmen der Szene viel ihrer eigentlichen Unanständigkeit und drängen den
Betrachter damit in eine noch verwerflichere Rolle. Das Unschuldige der Frau, die in dieser
harmonischen Farbkomposition scheinbar allein und eins mit sich und ihrem Körper ist, täuscht über
den fast brutalen Blick von außen hinweg – so als wäre es ja nicht wirklich schlimm, wenn man man
ein bisschen guckt, was sich hinter der verborgenen Tür tut.....
Als Kontrast dazu fungieren die deutlich sichtbaren Strukturen des Siebdruckes. Man fühlt sich
sofort an die bekannten Raster von Zeitungen erinnert – fast möchte man als Betrachter aufatmen,
denn dann ist das Beobachten ja nicht so schlimm, denn diese Bilder sind ja für das öffentliche Auge
bestimmt. Doch wissen wir in unserer medialisierten Welt ja längst, dass auch die der Öffentlichkeit
anheim gegebenen Bilder, sei es aus den Zeitungen oder in Film und Fernsehen, keineswegs das
Recht auf das Gesehenwerden implementieren. Im Gegenteil: die grobe Rasterung erinnert an den
Film „Blow up“, der davon lebt, dass ein Fotograf eine Szene auf einem Foto festhält, die sich als
skandalös entpuppt. War sie auf seinem Foto ursprünglich mehr zu ahnen als tatsächlich zu sehen,
legt sie in der Vergrößerung eine Deutung nahe, die eine ungeheuerliche Sprengkraft beinhaltet.
Vielleicht sehen wir uns bei den Arbeiten von McLovla und Robert Weber auch einem
Bildausschnitt gegenüber, der versehentlich eingefangen wurde, erst durch die modernen Bildmittel
sichtbar gemacht wird und für uns als Betrachter also dreifach verboten ist. Wenig tröstlich, dass all
das nur so gut funktioniert, weil das Augentier Mensch nicht von seiner Leidenschaft lassen kann.
Insofern erweist sich das vorangestellte Zitat von Paul Klee als dekuvrierend: die Kunst gibt nicht
das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar!
Soviel latent intendierte Unanständigkeit bei so ästhetischer Unauffälligkeit legt das Minenfeld, dass
der ahnungslose Betrachter betritt und nicht mehr ohne weiteres verlassen wird.

Annette Spohn, 2003

 
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